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Liebe Leserinnen und Leser, zu den Papieren aus dem Nachlass meiner Großmutter (geb. 1903) gehört die Abschrift der Trauungsurkunde, die sie sich vorsorglich im Frühjahr 1946 beim zuständigen Ortspfarrer Wenzel Remiger (demBruder desWeihbischofs Johannes Remiger) hatte ausstellen lassen. Ihr Mann war noch in Kriegsgefangenschaft, und sie erwartete mit drei minderjährigen Söhnen bangen Herzens die drohende „Aussiedlung“ aus Kladrau/Kladruby. Meine Mutter, die älteste der vier Kinder, war der Vertreibung durch die Flucht „schwarz über die Grenze“ nach Bayern schon zuvorge- kommen. Die Kopie der Heiratsurkunde trägt auf der Rück- seite den Stempel „Odsun“ mit Datum „19. Juni 1946“. Heute weiß ich: Die einfache aber tiefe Frömmigkeit dieser Frau, die ihr ermöglichte, dieses Schicksal, den Verlust der Heimat und der materiellen Lebensgrundlage, überhaupt zu ertragen und anzunehmen, hat mich von Kindestagen an mitgeprägt. Zu den wenigen Habseligkeiten, die sie auf denWeg in den Eisenbahnwagons über Eger undWiesau bis nach Oberbayern noch mitnehmen durfte, gehörte die gerahmte Urkunde ihrer Erstkommunion und zwei Gebet- büchlein, die sie bis zumLebensende schließlich vollkommen „zerlesen“ hatte. Für meinen weiteren Weg nicht weniger prägend war die Begegnung mit Pater Victrizius Berndt OFM Cap., dessen Religionsunterricht am Münchener Dante-Gymnasium in den für die spätere Berufsentscheidung prägenden Jahren der Oberstufe mir das Rüstzeug vermittelte, den familiär grundgelegten Glauben auch rational so zu durchdringen, dass ichmeine Berufung zumPriesteramt erkennen konnte. Pater Victrizius Berndt war 1915 in Pomeisl zur Welt gekommen, in Waltsch/Valec aufgewachsen und 1933 in Prag in den Kapuzinerorden eingetreten, nahmals geweihter Diakon als Sanitätssoldat am Krieg teil und wurde am 1. November 1946 in Eichstätt zum Priester geweiht (vgl. R. Voderholzer / E. Kögler, „Er führte mich hinaus ins Weite“. Lebensbild eines sudetendeutschen Priesters. Pater Victrizius Berndt [1915–2003], Reimlingen 2006). Ihm verdanke ich nicht nur den Zugang zur französischen Theologie und ein Verständnis von „katholisch-sein“ im Sinne von „allum- fassend“, „nichts ausschließend“, sondern auch die entschei- denden Einsichten zur Beurteilung unserer Herkunftsge- schichte: Die verhängnisvolleWeichenstellung war der über- steigerte Nationalismus, der seit dem frühen 19. Jahrhundert ganz Europa infizierte und latent vorhandene Differenzen und Spannungen verhärtete und in Feindseligkeit und völliges gegenseitiges Unverständnis und Misstrauen verkehrte. Dass auch die gemeinsame Zugehörigkeit zur Kirche, die gemeinsameGebetssprache, gemeinsame Volksfrömmigkeit etc. die Versuchung zum Nationalismus nicht aufhalten konnten, beschäftigt mich sehr. Vor kurzemstieß ich imZusammenhangmit der Erforschung der Geschichte der Weihnachtskrippe, deren „Wiege“ vermutlich in Prag gestanden hat (vgl. die Studien von Rudolf Berliner), auf eine erschütternde Selbsterkenntnis des sude- tendeutschen Schriftstellers Otfried Preußler (1923–2013). Preußler hat uns nicht nur eine Fülle wunderbarer Kinder- und Jugendbücher, sondern mit der „Flucht nach Ägypten“ auch seine eigene Verarbeitung von Flucht und Vertreibung in romanhafter Formgeschenkt. ImRückblick auf zahlreiche Besuche zusammen mit seiner Frau in der alten Heimat und die Entdeckung, dass die von ihmso geliebte und immer wieder auch in seinen Geschichten verarbeitete Krippen- frömmigkeit die deutschen und die tschechischen Böhmen doch zutiefst verbunden hätte, notiert er imJahr 1999: „Auch in Eisenbrod, auch im von jeher tschechischen Städtchen Turnau trafen wir [Preußler und seine Frau] solche Krippen an – wobei uns, zu unser beider Betroffenheit, jetzt erst aufgegangen ist, dass es zwischen denWeihnachtskrippen in den ursprünglich von Deutschen bewohnten Gebieten Nordböhmens und denen unserer tschechischen Nachbarn so gut wie keine Unterschiede gegeben hat. Was haben wir vormals eigentlich voneinander gewusst? Wir böhmischen Deutschen von ihnen, den tschechischen Böhmen – und sie von uns? Müßige Frage, verpasste Gelegenheiten, vorbei, vorbei.“ (Otfried Preußler, Ich bin ein Geschichtenerzähler, Stuttgart /Wien: Thienemann 2010, 76 f. HervorhebungR.V.). Aus alldem ergibt sich für mich die Aufgabe, die gemein- samenWurzeln imGlauben zu suchen, zu pflegen und mit Leben zu erfüllen. Der christliche Glaube, besonders noch einmal in der Gestalt der katholischen Kirche, die wegen ihrer Internationalität gegenüber aller nationalistischen Verein- nahmung und politischen Instrumentalisierung ammeisten gefeit ist, ist die beste Rassismus- und Nationalismus- Prophylaxe, die es gibt. Zu den Höhepunkten im Jahreskreis gehört deshalb für mich seit langem, das Patroziniumsfest in der Schlosskirche in Kladrau zu Mariä Himmelfahrt zu feiern, in Konzelebrationmit den vomBistumPilsen bestellten Pfarrern, oder wie schon mehrmals mit dem Bischof von Pilsen selbst. ImGlauben an den dreifaltigen Gott liegt nicht nur die Kraft zur Versöhnung angesichts einer von Unver- ständnis, Misstrauen und Schuld überschattetenGeschichte, sondern mehr noch die Grundlage für Völkerverständigung und Frieden in einem Europa der Regionen auf der Grundlage der Religion des Kreuzes. Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg Bischof Rudolf Voderholzer

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